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São Paulo: Wie man 41 Millionen vom Rauchen abhält

20. April 2009

Raucher in Metropolen wie New York oder Berlin mussten sich in der Vergangenheit bereits mit ihnen beschäftigen: Mehr (im Fall der USA) oder weniger (im Fall Deutschlands) rigoros verpflichten Nichtrauchergesetze Bar- und Restaurantbetreiber dazu, Paffer und Rauchfreie auf eine Weise zu trennen, die niemandem den falschen Dunst ins Gesicht bläst.

Nun fiel auch im brasilianischen Bundesstaat São Paulo das sinnbildliche Fallbeil, ein vom Governeur José Serra befürwortetes lei antifumo wurde bereits am 07. April 2009 von der Assembleia Legislativa de São Paulo abgesegnet. Lediglich eine “Gnadenfrist” von 90 Tagen lässt Rauchern noch etwas Zeit, sich mit den geplanten Änderungen zumindest oberflächlich anzufreunden.

Konkret verbietet Brasilien seinem bevölkerungsreichsten Staat, einschließlich der weltbekannten Mode- und Partymetropole São Paulo, geschlossene Bereiche in Bars, Restaurants, Nachtclubs, Einkaufszentren und Hotels in Zigaretten- oder Zigarrendunst einzuhüllen. Durch Trennwände abgegrenzte Nichtraucherzonen oder als fumódromo bekannte “Raucherautomaten” stellen dabei keine zulässigen Optionen dar, sogar eine Raucherterrasse am Arbeitsplatz muss vollständig geöffnet sein. Vom Verbot ausgenommen sind medizinische Einrichtungen oder religiöse Zeremonien, deren Abläufe oder Rituale Rauch erfordern.

Darüber hinaus ist es weiterhin erlaubt, in Tabakwarenhandlungen zu rauchen. Inwiefern diese einmalige Ausnahmestellung von den Bürgern São Paulos genutzt werden wird, bleibt abzuwarten. Bemerkenswert ist nämlich, dass im verabschiedeten Gesetz zwar eine Bestrafung der Betreiber aller vom Verbot betroffenen Einrichtungen vorgesehen ist, Zigaretten schwenkende Raucher sollen allerdings nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Letztendlich muss sich die Öffentlichkeit also selbst darum kümmern, die anrückenden Einschränkungen durchzusetzen, zur Verfügung stehende Polizeigewalt ist auf Initiativen angewiesen. An öffentlichen Mitteln zur Erziehung der Brasilianer soll es diesbezüglich jedenfalls nicht mangeln: Eine Medienkampagne zur Bekanntgabe der neuen Verordnungen und Schulung der Einwohner wird von der Regierung in São Paulo bereits geplant.



Brasiliens drittes Atomkraftwerk kommt

19. April 2009

Es ist offiziell: Nachdem alle Arbeiten an der usina nuclear (Atomkraftwerk) Angra 3 bereits in den achtziger Jahren abgebrochen wurden, entschied sich die Regierung von Präsident Lula nun für eine Wiederaufnahme des Projekts. An der touristisch wichtigen Costa Verde im Südosten Brasiliens wäre der auf drei Anlagen ausgelegte und oftmals als Gesamtheit genannte Komplex Central Nuclear Almirante Álvaro Alberto somit endlich vollständig.

Das für eine Nennleistung von 1400 Megawatt dimensionierte und bis heute nicht fertiggestellte Kraftwerk hat dabei seit seiner Stilllegung im Jahr 1986 jährliche Kosten in Millionenhöhe verursacht. Auch die Beträge nötiger Investitionen stiegen aufgrund deutlich abweichender Situationen auf dem Devisenmarkt. Trotzdem beantragte das gemischtwirtschaftliche Unternehmen Eletrobrás, deren Sparte Eletronuclear für die Durchführung des Projekts verantwortlich sein wird, bei der Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social (BNDES) enstprechende Finanzmittel.

Mit Rücksicht auf mittlerweile realisierte technische Fortschritte soll die im einstigen Konzept vorhandene Analogtechnik durch Digitalinstrumente ersetzt werden. Wie beim Vorgänger Angra 2 kommt ein reator de água pressurizada (Druckwasserreaktor) zum Einsatz. Für den Bau eines Atomkraftwerks müssen in Brasilien zunächst verschiedene Lizenzen beim IBAMA (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis) eingeholt werden. Hierbei wird die ökologische Tragbarkeit des Vorhabens analysiert, deren Charakteristik in der Política Nacional do Meio Ambiente (PNMA) festgehalten ist.

Entsprechende Schritte werden auch bei der Planung in Brasilien deutlich vorherrschender Wasserkraftwerke durchlaufen. Ob akkumulierte Kosten infolge der langjährigen Stilllegung des unfertigen Kraftwerks Angra 3 nichtsdestotrotz wettbewerbsfähige Erzeugerpreise ermöglichen, wird die Zukunft zeigen. Dort ist auch die Fertigstellung des Projekts angesetzt, nämlich für das Jahr 2014.



Mindestlohn in Brasilien soll um 9% steigen

17. April 2009

Zeit ist Geld. Was nach einer relativ häufig angewandten Floskel klingt, hat für in Brasilien ehemals von wilden Währungsunsicherheiten und Inflationen geplagte Arbeiter erweiterte Bedeutung. Ob Kreditzinsen, Sparzinsen oder wegen der Differenz (auf Neudeutsch “Spread”) dieser beiden Werte mehr oder weniger hohe Gewinne seitens der Banken: Extreme Kenngrößen lassen bei “Schlechtverdienern” oft den Wunsch aufkommen, regelmäßig am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt zu werden.

Zumindest in der Theorie dürfte der in Brasilien etablierte salário mínimo (Mindestlohn) daher eine wichtige Instanz sein, Neuigkeiten zur Aufstockung der kleinen Lohntüte hinterlassen wohl auch bei den Bürgern der gutverdienenden Schichten Eindruck. Bis Brasilianer die eigene empregada doméstica (Hausangestellte) aber um ihren angestiegenen Verdienst beneiden, müssen noch zahlreiche Jahre ins Land gehen.

Zuletzt wurde besagte Mindestgrenze am 1. Februar 2009 auf exakt 465 Reais pro Monat festgelegt. Nun soll Anfang 2010 eine Anpassung auf exakt 506,44 Reais (zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels etwa 180 Euro) erfolgen, was einer Erhöhung von knapp 9% entspricht. Zu beachten ist hierbei, dass die vergleichsweise hohen Lohnnebenkosten bei der Anstellung auf diesem Niveau bezahlter Arbeitskräfte natürlich in unverändertem Ausmaß hinzukommen.

Analysiert werden sollte auch, in welcher Weise der Mindestlohn die unaufhörlich arbeitende inflação abhängen kann. Für den Bundesstaat São Paulo veröffentlicht die Fundação Instituto de Pesquisas Econômicas (FIPE) diesbezüglich aussagekräftige Statistiken, durch die regelmäßig ein Barometer für monetäre Entwertung geschaffen wird. Im Vergleich 2008/2009 erhöhte die brasilianische Regierung beispielsweise den Mindestlohn um 5,6 Prozent, eine 2008 messbare Gesamtinflation von etwa 5,8 Prozent ließ diese Aufstockung jedoch fast verpuffen.

Es bleibt also zu hoffen, dass die nun angekündigten Maßnahmen zum Mindestlohn in der südbrasilianischen Metropole eine unter dem Strich spürbare Verbesserung der Kaufkraft bewirken.



Nichts mit Bingo in Brasilien

6. April 2009

Zumindest in liberaler Theorie ist bekanntlich erlaubt, was Spaß macht. Wer könnte schon Sonntag artig zum Bingo ausgerückten aposentados (Rentnern) verbieten, gegen ein verschmerzbares Entgelt in monotoner Manier ausgerufene Nummern auf ihren Teilnahmezetteln zu jagen, bis schließlich ein erlösender Ausruf aus dem Mund eines verhassten Glückspilzes erklingt?

Brasilien kann das. Bingo in Verbindung mit illegalen Häusern klandestinen Glücksspiels in Zusammenhang zu bringen, dürfte nicht gerade zu den leichtesten Übungen europäischer Touristen gehören. Selbst im südamerikanischen Nachbarstaat Argentinien füllen in Buenos Aires, Mar del Plata oder Puerto Madryn Einheimische die Spielhallen, um neben Roulette und Black Jack die ein oder andere Partie Bingo zu spielen.

Bereits von 1946 bis 1993 setzte Brasilien Bingohallen auf eine schwarze Liste, deren Geburt vom decreto-lei (Dekret) 9215/46 bedingt wurde. Bis zum Jahr 2004 durften Brasilianer dann legal ihre Kreise oder Kreuze machen, erst ein in jenem Jahr bekannt gewordener “Bingoskandal” bewegte schließlich den jetzigen Präsidenten Lula dazu, mit einem weiteren Dekret einzuschreiten. Grund öffentlicher Empörung waren ans Tageslicht gerückte Beziehungen zwischen dem vermeintlich unschuldigen Bingospiel und Strukturen des organisierten Verbrechens.

Inwiefern Bingo und Geldwäsche zusammenpassen, wissen wohl nur mittlerweile in die völlige Illegalität abgetauchte Experten ihrer Zunft. Äußerst lukrative Spiele wie Roulette oder ordinäre Automaten, die in deutschen Gefilden zum Standardrepertoir gehören, dürfen seit 1946 jedenfalls ebenso wenig Mammon in die Kassen brasilianischer Hotels oder Gaststätten spülen. Beim Überfliegen der Tageszeitung sollte man also daran denken, dass Meldungen über eine mit dem caça-níquel (einarmiger Bandit) arbeitende Verbrecherbande nicht zwangsläufig beinhalten, dass dem Spieler mit zusätzlichen Tricks das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Weshalb auch, dank herstellerseitig garantierter Gewinnchancen in vernachlässigbaren Größenordnungen ist die Verliererseite ja ohnehin ausreichend besetzt.



Wenn man sich 171 fühlt

4. April 2009

Hinter der mysteriösen Zahl 171 können sich prinzipiell alle denkbaren Bedeutungen verbergen. Zum Beispiel dürfte man spekulieren, an einem Durchschnittstag auf São Paulos Straßen mindestens 171 motoqueiros (Motorradfahrer) mit eigenen Augen zu sehen. Oder in Rio de Janeiro ziehen 171 vendedores ambulantes (fliegende Händler) vorbei, während Besucher am Strand in Copacabana oder Ipanema das Wasser einer hoffentlich frischen Kokosnuss schlürfen.

In Manaus versuchen 171 Tourleiter oder Wiederverkäufer, ein Paket für einen Abenteueraufenthalt im Regenwald an Mann und Frau zu bringen, während 171 Touristen mit dem Boot nach Tabatinga, Belém oder Porto Velho weiterreisen. Im Kongressgebäude von Brasília bitten Reporter verschiedene Politiker womöglich 171 Mal darum, Rede und Antwort zu stehen. Und unter den Wassermassen der Iguaçu-Wasserfälle verbergen sich eventuell 171 Vogelnester.

Doch welche Interpretation gilt, wenn ein Brasilianer von einem seiner Landsmänner behauptet, überaus 171 zu sein? Noch ärgere Verlegenheit stellt sich ein, falls man selbst als alemão 171 recht rat- und hilflos dasteht. Die gute Nachricht: Dieser Unwissenheit soll hier endlich ein Ende bereitet werden. Die schlechte Nachricht: Hinter 171 verbergen sich keine Komplimente.

Als Referenz dient nämlich der Artikel 171 des brasilianischen código penal, gewissermaßen eine Entsprechung zum deutschen Strafgesetzbuch. Trügerische Absichten werden dort behandelt, es geht um die wenig löbliche Eigenschaft, Menschen bewusst zu täuschen, um an unerlaubte Vorteile zu gelangen. Eine 171-Person hat also einen äußerst schlechten und hinterlistigen Charakter, fast niemand würde derartige Gestalten in den eigenen Freundeskreis aufnehmen wollen.

Doch wie so oft gilt die Devise, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Selbstverständlich darf man auch in Brasilien guten Freunden einmal scherzhaft die uncharmante Zahl an den Kopf werfen, wenn beispielsweise zum 171. Mal eine Verabredung geplatzt ist.



Obama und Lula: Sprachliche Verwirrung

3. April 2009

Beobachter und Politikmuffel brachen gleichermaßen in Begeisterung aus: Beim G-20-Gipfel in London soll der US-amerikanische Präsident Barack Obama doch tatsächlich und völlig unvermittelt von sich gegeben haben, dass er seinen brasilianischen Kollegen Luiz Inácio Lula da Silva für “den Größten” hält. Auf Portugiesisch hätte er dem aus Brasilien angereisten Politiker esse é o cara attestieren müssen, angesichts der Präsenz vieler einflussreicher Gestalten und der Tragweite des Gipfels ein überraschend offenherziges Zugeständnis.

Anzumerken sei, dass ein internationaler Plausch beim G-20-Gipfel üblicherweise nicht in brasilianischer Mundart abgewickelt wird. Verschiedene Radiokommentatoren und Korrespondenten mit guten Englischkenntnissen bemühten sich daher darum, die auf Übersetzungen basierende Verwirrung zu beheben und begeisterten Befürwortern der vermeintlichen Aussage Wind aus den Segeln zu nehmen. So beteuern einige, Barack Obama habe im O-Ton keinesfalls this is the man gesagt. Für diese Phrase könnte man tatsächlich esse é o cara (”der hier ist der Größte”) heranziehen. Man sei sich allerdings sicher, dass Obama this is my man verlauten ließ.

Auf Portugiesisch sieht der Präsident der USA Lula also als camarada oder noch kumpelhafteres Synonym an. Eine derartig zur Schau gestellte Freundlichkeit motiviert gewiss zu weiteren Analysen. Nun, zum einen hatte sich Lula erst einige Wochen zuvor im Weißen Haus zu einem Besuch eingefunden, zum anderen erklären besagte Kommentatoren die lockere Umgangsart mit dem kulturellen Hintergrund des Staatsoberhaupts der USA.

Und natürlich soll auch honoriert werden, dass nach langjähriger Durststrecke wieder Schwung in die politischen Beziehungen der beiden Riesenstaaten kommt. Wenn Simultanübersetzer also dazu beitragen, mit stark doppeldeutig nuancierten Sätzen für eine bessere Akzeptanz von Vertretern gelegentlich mit Vorurteilen belegter Länder zu sorgen, haben alle ihren Spaß… bis auf portugiesische Englischlehrer natürlich.



Blitzentführung jetzt offiziell ein Verbrechen

25. März 2009

Gerade kurvte man noch in Gedanken vertieft durch die Straßen von Rio de Janeiro oder São Paulo, auf einmal schlagen die Verbrecher zu: Flink zugestiegene Beifahrer fordern wenig höflich dazu auf, den Wagen in Richtung lukrativer Einkaufsmöglichkeiten zu lenken, das Opfer soll mit seiner wertvollen Unterschrift sowie ausgeplauderten Geheimzahlen Schecks und Abhebungen am Geldautomaten autorisieren.

Prinzipiell sind natürlich in vielen Teilen der Welt Blitzentführungen nach solchen Schemen denkbar. Was die Situation in Brasilien bis zum 24.03.2009 zum erwähnenswerten Ausnahmefall machte, war lediglich die Tatsache, dass für eine als sequestro relâmpago bekannte Verschleppung keine adäquate Rechtssprechung existierte.

Ein Mangel an passenden Gesetzen machte es möglich, dass Richter erhebliche Schwierigkeiten hatten, festgenommene Gauner exakt für das von ihnen nachweislich begangene Verbrechen zu bestrafen. Provisorisch in Brasilia bestätigte Vorschläge sprangen bis zum März 2009 ein, um die fehlende legislação zu ersetzen. Die nun durchgewunkene Gesetzesvorlage erweitert einen Abschnitt des código penal, der erstmalig im Jahr 1940 formuliert wurde.

Weniger legislative Instanzen reagierten in der Vergangenheit jedenfalls recht schnell auf den Trend der bandidos. So hatten zahlreiche Banken bereits vor einigen Jahren den Automatenbetrieb nach 22 Uhr stark eingeschränkt oder völlig eingestellt. Kunden, die zu später Stunde ohne kriminelle Begleitung Geld abheben möchten, stehen heutzutage entweder vor verschlossenen Türen oder müssen sich mit einem über den Bildschirm flimmernden Hinweis zur realisierten Sicherheitsmaßnahme begnügen.

Erstaunlich ist der recht spät erfolgte Beschluss vor allem, weil die polícia civil bereits in ihren für das Jahr 2005 veröffentlichten Statistiken über Kriminalität in São Paulo anführte, dass 1260 Blitzentführungen registriert wurden. Obwohl aktuelle Zahlen wegen allgegenwärtiger Dunkelziffern und generell schwankender Kriminalitätsraten deutlich niedriger ausfallen könnten, bleibt zu hoffen, dass ein endlich als Verbrechen anerkanntes Verbrechen allein durch seinen nun offiziell illegalen Charakter in Brasilien für deutliche Abschreckung sorgt.

Auf den oder die Entführer kommen jetzt im Fall einer Verurteilung je nach Schwere der Tat mindestens 6, maximal 30 Jahre Gefängnis zu.



Die besten Domainnamen sind… weggesperrt

23. März 2009

Vor ein paar Jahrzehnten hätte man wohl nicht im Traum daran gedacht, dass simple Registrierungen von Internetadressen gewiefte Glücksritter zu Millionären (oder zumindest relativ reich) machen würden. Wer waren nur jene bewundernswerten Pioniere, die zuerst zuschnappten, als heutzutage wertvolle und prestigeträchtige Adressen wie ”geld.de” noch herrenlos im Äther schlummerten?

Brasilianische Domainjäger müssen sich über derartige Fragen in vielen Fällen nicht den Kopf zerbrechen. Das Gegenstück zu erwähnter Finanzdomain, “dinheiro.com.br”, ist im südamerikanischen Riesenstaat nicht zu haben. Genau wie viele andere edle Exemplare kann sie von niemandem registriert werden, die domínio mit eingängigem Namen und vermutlich gigantischem finanziellen Potential ist schlichtweg gesperrt.

Auch als wenig engagierter Internetnutzer muss man diesem Umstand auf den Grund gehen. Sollte es sich etwa erstaunlich häufig um eine komplizierte Mischung aus Unterlassungsklage und richterlicher Verfügung handeln? Sind selbst geläufige und prinzipiell nicht schützbare Wörter in Brasilien von der Registrierung ausgeschlossen? Oder steckt hinter dem Schlamassel doch eine finstere Organisation, die unbescholtenen Bürgern den Zugriff zu Informationen über ein dicionário (Wörterbuch, siehe dicionario.com.br), mp4 (mp4.com.br) oder Sparbücher (poupança.com.br bzw. poupanca.com.br) verwehren will?

Leider ist des Rätsels Lösung erstaunlich trivial. All diese Domainnamen befanden sich einst im Besitz von Personen, die irgendwann fällige Zahlungen versäumt haben oder ihre Adressen abtreten wollten. Das brasilianische System erfordert in einem solchen Fall, dass die Domain in einen processo de liberação (Befreiungsprozess) eintritt. Interessierte Helfer (und wer würde im Fall von “dinheiro.com.br” nicht gerne selbstlos den Geldbeutel zücken…) können sodann ein Ticket beantragen, um die Adresse zu übernehmen.

Zieht jedoch mehr als ein Interessent eine solche Wartenummer, wird der jeweilige Prozess geblockt und es geht in eine nächste “Befreiungsrunde”. Natürlich hoffen üblicherweise auch im nächsten Durchlauf viele Anwärter darauf, dass ihre Nebenbuhler abspringen. Bis schließlich sechs Zyklen erfolglos gemeistert wurden und der Domainname von der zuständigen Verwaltung eine Sperre aufgebrummt bekommt… nach heutigem Modell bis zum Ende aller Zeiten.



“Dies ist die Hölle, meine Lieben, amüsiert Euch”

15. März 2009

Mal ehrlich: Was weiß man als im Globetrotten unerfahrener Durchschnittsbürger denn schon von Brasilien? Stimmt, das war doch dieses Land, in dem alle Menschen Samba tanzen, ständig Drogenkriege in den Favelas ausbrechen und Fußballtalente heranreifen, vor denen Nationalmannschaften aller Kontinente schon vor Spielbeginn schlottern. Und sonst? Was in den Nachrichten steht… und was man eben so hört.

Bis Erika Mustermann zu einem Besuch des lateinamerikanischen Riesenstaats ausrückt, muss sich Brasilien erst einmal auf möglichst vorbildliche Weise in den Hinterkopf schummeln und das übliche Informationsgewitter überstehen. Dabei formt ein dem Menschen grundsätzlich eigener Instinkt die Vorstellung vom Urlaubsziel: Unbekanntes birgt Unsicherheit, Negativschlagzeilen aller Art wird viel Beachtung geschenkt, sie lassen sich selten durch entsprechende Positivmeldungen wieder schönfärben.

In Diskussionsforen über Brasilien tauchen immer wieder gestresste Reisende auf, die ihren Trip in den Süden zwar schon fast gebucht haben, aber von Experten noch einmal die wirkliche, ganz reale und echt wahre Wahrheit hören wollen: Wie steht es denn nun um die Sicherheit in Städten wie São Paulo oder Rio de Janeiro, wie “schlimm” ist es, soll man die Reise im Extremfall gar absagen? Mit akademischer Präzision werden statistische Daten herangezogen, man jongliert angestrengt Kennzahlen zur Häufigkeit von Überfällen, vergleicht und schwitzt dabei womöglich ausgiebig.

Nun hat sich das Internet in den letzten Jahren zu einem magischen Medium gemausert. Egal ob bei der Suche nach Krankheitssymptomen oder Erfahrungsberichten: Es ist alles drin. Man suche eine Meinung, und man wird eben genau die erwartete sowie gefürchtete Aussage finden. Eine Frage wie “Ist es denn gefährlich in Rio de Janeiro?” wird unter anderem eine (noch recht milde) Antwort à la “Es gibt schon einige Teile, die gefährlich sind. Mit etwas Wachsamkeit und dem richtigen Verhalten lässt sich die Gefahr aber eindämmen.” hervorbringen.

Nicht doch, Wörter wie Gefahr und Wachsamkeit im Zusammenhang mit einem entspannten Urlaub? Das gibt üblicherweise sofort Minuspunkte für Brasilien. Vielleicht gehört der Fragesteller aber zu einer Gruppe hartgesottener Reisender, die sich von solchen Aussagen nicht sofort ins Boxhorn jagen lassen. Vor Ort wird man sich schließlich ein viel besseres Bild der Lage bilden können.

Dummerweise wurde bei diesem Gedanken vergessen, dass in Brasilien selbst natürlich ebenfalls ein buntes Spektrum von Einschätzungen zur nationalen und regionalen Sicherheit zu verzeichnen ist. Fragt man eine Bewohnerin des Bundesstaates Acre, die im Fernsehen regelmäßig Marathonsendungen mit ausschließlich katastrophalen Nachrichten über São Paulo verfolgt, wie sie die Lage in der einige tausend Kilometer entfernten Metropole wohl einschätzt, besteht hinsichtlich der Reaktion kein allzu überraschender Spielraum.

Das Problem scheint nicht in der Antwort zu liegen, es ist die Frage selbst. Will man sich über Gefahren unterhalten, tauchen überall Gefahren auf. Und der Sicherheitsbegriff spitzt sich immer stärker zu, bis der auf Sicherheit getrimmte Besucher schließlich überhaupt nichts mehr unternehmen kann. Jeder Schritt aus dem mit Wachmann und Sicherheitszaun ausgestatteten condomínio wird zum unerwünschten Abenteuer, die Dunkelheit zum Feind und alle Menschen zu potentiellen Übeltätern.

Will man so leben? Manche Bürger wollen es durchaus. Aber ein facettenreiches Land wie Brasilien verdient es einfach nicht, im ersten Satz abgewürgt zu werden. Die primäre Aussage, mit der sich besagte Erika Mustermann beschäftigen muss, kann nicht “Land x ist sehr gefährlich” sein. Oder würde man einem an Deutschland interessierten Menschen etwa im ersten Atemzug “Achtung, in Deutschland gibt es Überfälle durch Neonazis” an den Kopf werfen?

Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft sollen natürlich nicht unter den Tisch fallen, ebenso wie in allen Lebenslagen gewinnbringender Humor. Und so scheint der ehrlichste und vertrauenswürdigste Tipp ein Graffito an einer Bushaltestelle in São Paulo zu sein: “Este é o inferno queridos, divirtam-se.” (”Dies ist die Hölle, meine Lieben, amüsiert Euch.”)



Bankraub als saisonaler Trend?

13. März 2009

Kurzfristige Phänomene finden in Brasilien immer wieder einen gesunden Nährboden. So huschten 2007 und 2008 verschiedene Nachrichten durch die brasilianische Presse, in denen vom roubo de cabelo (Haardiebstahl) gesprochen wurde. Auslegungen verschiedener evangelikaler Freikirchen erheben den natürlichen Kopfschmuck offenbar zum höchsten Gut, ein Verlust der Haarpracht kann mitunter fatale Auswirkungen auf die Psyche und das gesellschaftliche Ansehen haben… ein Umstand, den eher weniger freundschaftlich gesinnte Zeitgenossen einige Male ausnutzten.

Auch wenn sich das haarige Verbrechen mittlerweile aus dem Mittelpunkt des nationalen Interesses verabschiedet hat: Trends kommen und gehen in Brasilien auch im Sektor der Kriminalität. Aktuell scheinen Banküberfälle in Mode zu sein. Jedenfalls häufen sich die Nachrichten über bewaffnete und in Gruppen anrückende Räuber, deren Motivation Abhebungen der etwas anderen Art sind. Eine genaue Lokalisation der Vorfälle ist nicht zu verzeichnen, in São Paulo sind alle Stadtteile gleichermaßen betroffen. Am 13. März 2009 ereignete sich sogar ein Vorfall in der sonst eher ruhigen Avenida Vital Brasil, nahe des Universitätsgeländes der Metropole.

Besonders im Jahr der bebenden Finanzkrise lassen sich natürlich schnell allerlei Zusammenhänge zwischen der auch in Brasilien spürbaren desaceleração (Abbremsung) der Wirtschaft und besagten Banküberfällen herstellen. Statistische Erhebungen lieferten erst kürzlich ernüchternde Gewissheit: Allein in der Industrie von São Paulo verloren zweihunderttausend Arbeiter ihre Stelle, obwohl die crise financeira zuvor mit aller Macht und kollektiv als störendes Schreckgespenst verjagt werden sollte.

Neben den angsteinflößenden Besuchern in brasilianischen Bankfilialen stieg auch die Medienpräsenz von Überfällen auf condomínios. Hierbei handelt es sich um mit Wachmann, automatischer Garage und gelegentlich Elektrozäunen gesicherte Wohnkomplexe, in denen Brasilianer eigentlich möglichst sicher ihre abendliche novela (Seifenoper) vor dem Fernseher genießen wollen. Dummerweise haben die pompösen Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen Wochen allerdings einige Banden auf den Plan gerufen, die kurzerhand alle Barrikaden überwinden konnten und anwesende Bewohner in verschiedenen Fällen zu Geiseln machten, um wertvolle Besitztümer auszusortieren.

Und nicht selten macht die anrückende Polizei dem Großteil der bandidos schnell einen Strich durch die Rechnung. Was zurückbleibt, ist (wie auch im Fall der meisten Banküberfälle) ein geplatzter Plan, öffentliche Aufregung… und noch eine Schlagzeile mehr, die einen aufschwellenden Trend nährt, bis er letztendlich übersprudelt oder in sich zusammenfällt.