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Oktoberfest… in Brasilien!

26. Oktober 2008

Schon der Name des Städtchens Blumenau im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina macht es deutlich: Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich hier deutsche Siedler nieder, deren Nachnamen noch heute auf den Türschildern vieler ortsansässiger Geschäfte und Wohnungen zu finden sind. Als beachteter “Pionierkolonist” der Stadt hat Hermann Bruno Otto Blumenau dem Süden Brasiliens eine einzigartige Kulturvielfalt verliehen. Seine weite Anreise aus dem Ort Hasselfelde im Harz scheint sich gelohnt zu haben.

Fest aus der Flut

Die Idee, ein eigenes Oktoberfest auf die Beine zu stellen, enstand allerdings keinesfalls in bester Laune: Zwei heftige enchentes (Überschwemmungen) in den Jahren 1983 und 1984 bewegten die Bürger der Stadt dazu, ein traditionelles Fest zur Finanzierung nötiger Wiederaufbauten zu nutzen. 2008 feiert das mittlerweile zweitgrößte Oktoberfest der Welt sein 25. Jubiläum und hat internationale Anerkennung erlangt. Selbst dona Érica als langjährige Bewohnerin von Blumenau reagiert dabei etwas verdutzt, wenn ein deutscher Besucher berichtet, dass heimische Oktoberfeste größtenteils im September stattfinden. In Brasilien bleibt man dem Namen der Veranstaltung treu, weswegen die Feierlichkeiten üblicherweise Anfang Oktober beginnen. Lediglich die aktuellen Bürgermeisterwahlen sorgten diesmal für einen geringfügigen Aufschub.

Besagte Dame erinnert sich noch an jene Überflutung, die als Anstoß zum südbrasilianischen Großereignis diente. Deutschland habe Brasilien damals sehr geholfen. Das lateinamerikanische Oktoberfest sei aber laut Überlieferungen einiger Freunde trotzdem etwas ausgelassener. Dummerweise regnet es zur Zeit der Feierlichkeiten dieses Jahr so stark, dass Einheimische erneut besorgt auf den verantwortlichen Fluss Itajaí-Açu blicken, bei der defesa civil glühen aufgrund der dem deutschen Zivilschutz ähnlichen Rolle die Telefonleitungen.

Eine Reise nach Deutschland

Die Zeit zwischen Festende und Festanfang überbrücken Touristen meist auf der ehemals “Wurststraße” genannten Rua Quinze de Novembro (Straße des 15. Novembers). Einerseits kann dort bereits in verschiedenen choperias (Bierlokalen) Mut angetrunken werden, andererseits steht bei gutem Wetter ein desfile (Festumzug) mit vielen traditionellen Schützen- und Jagdvereinen der Stadt an. Öffnen sich die Tore der brasilianischen Wiesn endlich, geht es ins vila germânica, das deutsche Dorf, dessen Struktur fürs Oktoberfest mehrmals überarbeitet wurde. Und tatsächlich erinnert ein kleines Viertel mit vor relativ kurzer Zeit errichteten Häusern samt Fachwerkkulisse oberflächlich an die Optik deutscher Altstädte. Die in den Gebäuden untergebrachten Souvenirshops, Bars und Essensstände finden bereits nach der Öffnung des Geländes begeisterten Zulauf. In Brasilien gilt dabei ein caneco (Blechkrug) mit zugehöriger Umhängeschlaufe zum Standardrepertoire des Besuchers, erworbene Getränke werden kurzerhand in die bis zu 2 Liter fassenden Gefäße umgefüllt.

Diesbezüglich scheint man sich vor Ort nicht einig zu sein, was genau in den Krug gehört. Deutsche Bierliebhaber würden wahrscheinlich dankend ablehnen, wenn ein chope de vinho (Mit Rotwein gemischtes Bier) gereicht wird. Neben dieser in Brasilien populären Mixtur sind die Geschmacksrichtungen Pilsen, Bock und Weizen (in Brasilien auch cerveja de trigo genannt) im Angebot, wobei man sich bei einer Bestellung lieber nicht allzu sehr auf die deutsche Aussprache verlassen sollte.

Blondes Haar, blaue Augen

Blauäugige und hellblonde Brasilianerinnen schmücken sich im Festzelt ebenso mit traditioneller Tracht wie ihre dunkelhäutigen Mitbürgerinnen. Jedes Jahr wird eine rainha (Königin) gewählt, die samt zwei princesas das Fest auf ihre Weise repräsentiert. In anderen Gebieten Brasiliens hört man oft von jenen wunderschönen loiras (Blonden) aus dem Süden, die Heimatorten entsprechender Bewunderer eventuell seltener zuteil werden. Nicht nur aus diesem Grund müssen sich die Damen auch beim Oktoberfest bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht rücken lassen: Offizielle Informationsstände sind ebenso mit hellhaarigen Geschöpfen gespickt wie das Bühnen- und Unterhaltungsprogramm.

Auf den Brettern heizen verschiedene Bands aus Brasilien und Deutschland dem Publikum mit einer Mischung aus portugiesischen und deutschen Liedern ein. Zwischendurch unterbricht man den Verlauf mit Wettbewerben wie chope em metro, bei dem vor versammelter Runde in möglichst kurzer Zeit etwa ein Meter lange Kolben mit kugelförmigem Endstück und reichlich Bier geleert werden müssen. Etwas weiter abseits haben Besucher sogar die Gelegenheit, sich selbst als rei do tiro (Schützenkönig) zu versuchen. Sorgen um aufkommenden Hunger muss sich dabei niemand ernsthaft machen…

Gefüllte Wachtel, “Hackerpeter” und “Würst”

Kulinarisch steht schließlich viel deutsche Kost auf dem Programm. Ob codorna recheada (gefüllte Wachtel), espetinho (Schaschlik) oder der auch in Brasilien Strudel genannte Nachtisch: Die Zufriedenheit wird obendrein durch drollige Rechtschreibfehler auf den Schildern der Essensstände gestärkt, wenn beispielsweise “Hackerpeter” und “Deutsche Würst” in die Speisekarte gerutscht sind. Costeleta defumada (Kassler) und frango à Oktoberfest (Hähnchen nach Oktoberfestart) zählen ebenso wie das Schweinemedaillon mit Biersauce zu den schwereren Mahlzeiten, die nichtsdestotrotz auch gegen Mitternacht noch gereicht werden.

Selbstverständlich könnte auch in Brasilien keine Feier mit derartigem Zulauf ohne ein paar einheimische Schnellgerichte existieren. Daher darf der Besucher im vila germânica beispielsweise das altbekannte pastel verspeisen, ein rechteckiges Paket aus dünnem Teig, das man samt unterschiedlichem Inhalt in großen Pfannen fritiert.

Und was Authentizität genau bedeutet, ist auch im Haus von dona Érica nicht immer klar abzugrenzen. An einem heiteren Sonntagnachmittag spricht ihr Mann plötzlich akzentfrei Deutsch und beklagt sich lediglich darüber, dass ihm einige Wörter nicht mehr einfallen. Könnte an der bereits ausgiebig konsumierten cerveja liegen… oder an jener ganz besonderen Eigenart, die im Süden von Brasilien immer wieder für Überraschungen gut ist.