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Posts mit Thema Finanzen

Mindestlohn in Brasilien soll um 9% steigen

17. April 2009

Zeit ist Geld. Was nach einer relativ häufig angewandten Floskel klingt, hat für in Brasilien ehemals von wilden Währungsunsicherheiten und Inflationen geplagte Arbeiter erweiterte Bedeutung. Ob Kreditzinsen, Sparzinsen oder wegen der Differenz (auf Neudeutsch “Spread”) dieser beiden Werte mehr oder weniger hohe Gewinne seitens der Banken: Extreme Kenngrößen lassen bei “Schlechtverdienern” oft den Wunsch aufkommen, regelmäßig am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt zu werden.

Zumindest in der Theorie dürfte der in Brasilien etablierte salário mínimo (Mindestlohn) daher eine wichtige Instanz sein, Neuigkeiten zur Aufstockung der kleinen Lohntüte hinterlassen wohl auch bei den Bürgern der gutverdienenden Schichten Eindruck. Bis Brasilianer die eigene empregada doméstica (Hausangestellte) aber um ihren angestiegenen Verdienst beneiden, müssen noch zahlreiche Jahre ins Land gehen.

Zuletzt wurde besagte Mindestgrenze am 1. Februar 2009 auf exakt 465 Reais pro Monat festgelegt. Nun soll Anfang 2010 eine Anpassung auf exakt 506,44 Reais (zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels etwa 180 Euro) erfolgen, was einer Erhöhung von knapp 9% entspricht. Zu beachten ist hierbei, dass die vergleichsweise hohen Lohnnebenkosten bei der Anstellung auf diesem Niveau bezahlter Arbeitskräfte natürlich in unverändertem Ausmaß hinzukommen.

Analysiert werden sollte auch, in welcher Weise der Mindestlohn die unaufhörlich arbeitende inflação abhängen kann. Für den Bundesstaat São Paulo veröffentlicht die Fundação Instituto de Pesquisas Econômicas (FIPE) diesbezüglich aussagekräftige Statistiken, durch die regelmäßig ein Barometer für monetäre Entwertung geschaffen wird. Im Vergleich 2008/2009 erhöhte die brasilianische Regierung beispielsweise den Mindestlohn um 5,6 Prozent, eine 2008 messbare Gesamtinflation von etwa 5,8 Prozent ließ diese Aufstockung jedoch fast verpuffen.

Es bleibt also zu hoffen, dass die nun angekündigten Maßnahmen zum Mindestlohn in der südbrasilianischen Metropole eine unter dem Strich spürbare Verbesserung der Kaufkraft bewirken.

Bankraub als saisonaler Trend?

13. März 2009

Kurzfristige Phänomene finden in Brasilien immer wieder einen gesunden Nährboden. So huschten 2007 und 2008 verschiedene Nachrichten durch die brasilianische Presse, in denen vom roubo de cabelo (Haardiebstahl) gesprochen wurde. Auslegungen verschiedener evangelikaler Freikirchen erheben den natürlichen Kopfschmuck offenbar zum höchsten Gut, ein Verlust der Haarpracht kann mitunter fatale Auswirkungen auf die Psyche und das gesellschaftliche Ansehen haben… ein Umstand, den eher weniger freundschaftlich gesinnte Zeitgenossen einige Male ausnutzten.

Auch wenn sich das haarige Verbrechen mittlerweile aus dem Mittelpunkt des nationalen Interesses verabschiedet hat: Trends kommen und gehen in Brasilien auch im Sektor der Kriminalität. Aktuell scheinen Banküberfälle in Mode zu sein. Jedenfalls häufen sich die Nachrichten über bewaffnete und in Gruppen anrückende Räuber, deren Motivation Abhebungen der etwas anderen Art sind. Eine genaue Lokalisation der Vorfälle ist nicht zu verzeichnen, in São Paulo sind alle Stadtteile gleichermaßen betroffen. Am 13. März 2009 ereignete sich sogar ein Vorfall in der sonst eher ruhigen Avenida Vital Brasil, nahe des Universitätsgeländes der Metropole.

Besonders im Jahr der bebenden Finanzkrise lassen sich natürlich schnell allerlei Zusammenhänge zwischen der auch in Brasilien spürbaren desaceleração (Abbremsung) der Wirtschaft und besagten Banküberfällen herstellen. Statistische Erhebungen lieferten erst kürzlich ernüchternde Gewissheit: Allein in der Industrie von São Paulo verloren zweihunderttausend Arbeiter ihre Stelle, obwohl die crise financeira zuvor mit aller Macht und kollektiv als störendes Schreckgespenst verjagt werden sollte.

Neben den angsteinflößenden Besuchern in brasilianischen Bankfilialen stieg auch die Medienpräsenz von Überfällen auf condomínios. Hierbei handelt es sich um mit Wachmann, automatischer Garage und gelegentlich Elektrozäunen gesicherte Wohnkomplexe, in denen Brasilianer eigentlich möglichst sicher ihre abendliche novela (Seifenoper) vor dem Fernseher genießen wollen. Dummerweise haben die pompösen Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen Wochen allerdings einige Banden auf den Plan gerufen, die kurzerhand alle Barrikaden überwinden konnten und anwesende Bewohner in verschiedenen Fällen zu Geiseln machten, um wertvolle Besitztümer auszusortieren.

Und nicht selten macht die anrückende Polizei dem Großteil der bandidos schnell einen Strich durch die Rechnung. Was zurückbleibt, ist (wie auch im Fall der meisten Banküberfälle) ein geplatzter Plan, öffentliche Aufregung… und noch eine Schlagzeile mehr, die einen aufschwellenden Trend nährt, bis er letztendlich übersprudelt oder in sich zusammenfällt.

Brasilien und das leidige Thema Länderrisikoprämie

23. Oktober 2008

Dass der US-amerikanische Dollar gerade auf dem Vormarsch ist, kommt europäischen Weltenbummlern mit kleinem Budget womöglich äußerst ungelegen. So sind auch die Vorhaben einiger deutscher Touristen verpufft, ins Schnäppchenparadies auf der anderen Seite des großen Teichs zu reisen, um dort ihre wertvollen Euros gegen Waren einzutauschen. Brasilianische Gefilde weisen allerdings eine zweifach bevorteilende Wertverteilung auf: Ein starker Anstieg des Dollars hat die cotação (Notierung) der europäischen Währung fast ruckartig mitgerissen.

Und damit nicht genug. Kritische Momente in der globalen oder nationalen Wirtschaft lassen in Brasilien nicht selten die taxa de risco-país oder kurz das risco-país in die Höhe schnellen. Der deutsche Begriff Länderrisikoprämie steht dabei keinesfalls für eine angenehme Größe. Man beschreibt hiermit indirekt, inwiefern in einem Land getätigte Investitionen Sicherheit aufweisen.

Natürlich muss diesbezüglich die Frage gestellt werden, wer für die Bildung eines derartigen Indikators verantwortlich ist. Es handelt sich um ausländische Investmentbanken, die den investidores Aufschlüsse über die Sicherheit bestimmter Anlageformen liefern wollen. Generell geht es darum, eine als sicher betrachtete Wertanlage zu finden und den in Form von Risiken bezahlten ágio (Aufpreis) repräsentativ festzuhalten.

Als Vergleichsgröße werden oft nordamerikanische Staatsanleihen herangezogen. Anleger im Ausland erhalten also mit einem unvorteilhaften risco-país ein Signal, Gelder je nach Risikoprofil des Investors lieber in sichere Häfen fließen zu lassen. Im brasilianischen Fall bewegte sich der indicador EMBI+ (Emerging Markets Bond Index Plus) im Oktober 2007 bereits in tiefen Regionen um 170 Punkte, am 22. Oktober 2008 ging es in Richtung Norden auf zeitweise über 650 Basispunkte.

Was genau bedeuten diese Zahlen? Nun, jeweils 100 Einheiten stehen für eine sobretaxa (Aufschlag) von einem Prozent, in letzterem Moment also bereits 6,5%, bezogen auf erwähnte Staatsanleihen der USA. In Brasilien Angelegte Summen müssten also um genau diesen Prozentsatz an Wert zulegen, um das eingegangene Risiko zu rechtfertigen.

Natürlich ist man mit diesen Ständen noch weit entfernt von 2002 erreichtern Spitzenwerten um 2400 Basispunkte, also 24%. Letztendlich spiegelt die metodologia (Methodik) der Indikatoren auch den Zwiespalt zwischen dem in Brasilien noch immer deutlich wahrgenommenen Aufschwung und der im Ausland vorgenommener Wertung verschiedener Zahlen zur economia wider. Dem brasilianischen real könnte das entzogene Vertrauen jedenfalls äußerst unwillkommene Pflöcke zwischen die Beine werfen.

Brasilianische Unlust in Sachen Finanzkrise

14. Oktober 2008

Was macht man nur, wenn ein ungeladener Gast in die heimische Wirtschaft platzt und eine eigentlich angeheiterte Feier in höchstem Maße ruiniert? Brasilien sieht sich mit gerade diesem Problem konfrontiert. Spekulierten Analysten vor einigen Monaten noch über ein mögliches Aufkommen der doença holandesa (holländische Krankheit), nachdem vor der Atlantikküste des Landes beachtliche Ölreserven entdeckt wurden, so stehen nun ganz andere Themen auf dem Programm.

Als wunder Punkt gilt dabei immer wieder der brasilianische real, also die “hauseigene” Währung. Viele Investoren hatten in den letzten Jahren bevorzugt Geld in Werte der bolsa de valores (Aktienmarkt) gepumpt, um von starken Wachstumsraten zu profitieren. Kommt es zu einem internationalen Eklat mit einhergehender Panik, werden in jeder Krise sichere Häfen gesucht und entsprechend angelegte Gelder zu teilweise ungünstigen Konditionen wieder abgezogen. Im Fall von Brasilien flossen allein im August 2008 mehr als 2 Milliarden amerikanische Dollar zurück in ihre jeweilige Heimat.

Indirekt bewirken investidores estrangeiros auf diese Weise auch eine Abwertung der brasilianischen Währung, der man auf Regierungsseite mit drastischen Maßnahmen entgegenzuwirken versucht. Die banco central veranstaltet diesbezüglich sogenannte leilões (Versteigerungen) US-amerikanischer Währungsreserven, um den Markt günstig zu sättigen und den beispielsweise im September und Oktober 2008 steil angestiegenen Kurs wenigstens etwas einzudämmen. Ganz ohne Bedingungen kommen die jeweiligen Auktionen in Brasilien nicht immer daher: Am 14. Oktober 2008 kündigte man zwar an, am folgenden Tag eine Milliarde US-Dollar zu verkaufen. Ein Rückkauf des Betrags wird jedoch bereits im Vorfeld exakt 90 Tage nach dem genannten Termin zugesichert.

Natürlich ist man sich der Konsequenzen bewusst, die der economia auch in Brasilien trotz eigentlich recht zufriedenstellender Wirtschaftsdaten drohen. Aufgrund der industriellen Struktur werden bitter nötige Importe in einigen Sektoren schlichtweg unerschwinglich. Von einem pacote de resgate (Rettungspaket) in der Manier bereits vorgepreschter Staaten soll bis jetzt allerdings noch nicht die Rede sein, obwohl selbst der Nachbarstaat Argentinien mit einer derartigen Maßnahme liebäugelt.

Brasilien: Streik in der Bankenkrise

13. Oktober 2008

Während sich Medien, Politiker und natürlich Bürger in aller Welt um die Entwicklung der Finanzmärkte sorgen, findet in vielen Bundesstaaten Brasiliens ganz nebenbei ein anderes Großereignis statt: Beim Streik der bancários protestieren nicht etwa beleidigte Fondsmanager gegen eine unzufriedenstellende Wirtschaftslage. Vielmehr übernehmen Bankangestellte das Ruder, um einzelne Filialen mit riesigen Aufklebern zu versehen, die auf eingetretene Arbeitsniederlegungen hinweisen.

Die entsprechende Interessengruppe wird in Brasilien durch die Contraf (Confederação Nacional dos Trabalhadores do Ramo Financeiro), also den nationalen Zusammenschluss im Finanzsektor arbeitender Angestellter repräsentiert. Fast ein Drittel der etwa 18000 Bankfilialen im Land gilt bereits als lahmgelegt. Auch die gewaltigen Zahlen, mit denen im Kontext angekündigter Rettungspakete mittlerweile jongliert wird, sorgen bei einigen Arbeitnehmern für Unmut. So wünscht man sich im Kampf um bessere Konditionen ebenfalls etwas mehr liquidez, da dieses Wort zur Beschreibung der großinstitutionellen Liquidität verdächtig oft durch die Schlagzeilen zu huschen scheint.

Auf der Avenida Paulista in São Paulo fährt ein Wagen mit auf dem Dach installierten Lautsprechern unermüdlich von einem Ende zum anderen. Verkündete Nachrichten liefern Passanten eine Erklärung für die teils geschlossenen Banken mitten im wichtigen Finanzzentrum der gewaltigen Metropole. Zu den Hauptforderungen gehört ein aumento real (Erhöhung der Reallöhne) von 5% sowie eine Anpassung des piso salarial (Mindestlohn für professionelle Tätigkeiten). Darüber hinaus ist es in Brasilien üblich, seinen Angestellten einen gewissen Betrag zur leiblichen Versorgung auszuzahlen, der als vale refeição (Essensgutschein) in teilnehmenden Restaurants und Bars von einer zugehörigen Chipkarte abgebucht werden kann. In diesem Punkt strebt man eine Erhöhung auf R$ 17,50 pro Tag an.

Eine weitaus komplexere Forderung stellt hingegen eine Überarbeitung der PLR (Participação nos Lucros e Resultados) dar. Hierbei geht es um die Beteiligung der Angestellten am finanziellen Erfolg eines Unternehmens. Fast ironisch erscheint da die Tatsache, dass vielen Banken in anderen Ländern zeitgleich mit gigantischen Rettungspaketen unter die Arme gegriffen wird.

“Quer nota paulista?”

7. Oktober 2008

Neulinge werden beim Besuch einiger Supermärkte in São Paulo mit der vorstehenden Frage überrascht. Prinzipiell lässt sich die Situation überspielen, wenn man höflich in der Annahme verneint, dass es sich wohl um ein Bonusprogramm mit zugehöriger Karte handeln muss. Andere Ketten in Brasilien verfügen schließlich auch über derartige Systeme.

Doch was genau passiert hier? In Wahrheit ist die Nachfrage insofern missverständlich, als seit Oktober 2007 jede Person mit CPF (Cadastro de Pessoas Físicas) bzw. CNPJ (Cadastro Nacional da Pessoa Jurídica) von der Nota Fiscal Paulista, also einer speziellen Quittung für den Bundesstaat São Paulo profitieren kann, ohne sich an bestimmte Programme zu binden. Beim Einkauf wird auf Wunsch die Zahlenfolge zunächst an der Kasse mitgeteilt. Das jeweilige Geschäft leitet die Informationen an das Secretaria de Fazenda (die Finanzbehörde des jeweiligen Bundesstaates) weiter und kümmert sich somit selbständig um die Abwicklung der Nota Fiscal Paulista. Über ein zentralisiertes System kann so später eine Erstattung von 30% der zuvor berechneten ICMS erfolgen.

Hinter dieser Abkürzung versteckt sich der Begriff Imposto sobre Circulação de Mercadorias e Serviços, wobei in etwa das brasilianische Gegenstück zur deutschen Umsatzsteuer bzw. zur Mehrwertsteuer in der Schweiz gefunden wäre. Der aktuelle “Kontostand” zurückerstatteter Beträge kann nach einer Registrierung auf der Seite des Finanzamts eingesehen werden.

Da man auch als Ausländer in Brasilien einen persönlichen CPF beantragen darf, lohnt sich der Aufwand schon dann, wenn ein grundsätzliches Interesse an besseren Kenntnissen in Sachen Steuern besteht. Natürlich ist insbesondere im Fall größerer Einkäufe der Bonus aus “öffentlicher Hand” definitiv nicht zu verachten. Gutgeschriebene Beträge lassen sich auf der Kreditkarte, dem Giro- oder Sparkonto verrechnen. Des Weiteren ermöglichen aus der Nota Fiscal Paulista resultierende Erstattungen eine Minderung der Imposto sobre a Propriedade de Veículos Automotores (IPVA, Kraftfahrzeugsteuer). Auch eine Weiterreichung der Gutschrift an andere Personen ist erlaubt, in jedem Fall muss bei der Einlösung aber ein maximaler Zeitraum von 5 Jahren eingehalten werden.