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Posts mit Thema Nachrichten

São Paulo: Wie man 41 Millionen vom Rauchen abhält

20. April 2009

Raucher in Metropolen wie New York oder Berlin mussten sich in der Vergangenheit bereits mit ihnen beschäftigen: Mehr (im Fall der USA) oder weniger (im Fall Deutschlands) rigoros verpflichten Nichtrauchergesetze Bar- und Restaurantbetreiber dazu, Paffer und Rauchfreie auf eine Weise zu trennen, die niemandem den falschen Dunst ins Gesicht bläst.

Nun fiel auch im brasilianischen Bundesstaat São Paulo das sinnbildliche Fallbeil, ein vom Governeur José Serra befürwortetes lei antifumo wurde bereits am 07. April 2009 von der Assembleia Legislativa de São Paulo abgesegnet. Lediglich eine “Gnadenfrist” von 90 Tagen lässt Rauchern noch etwas Zeit, sich mit den geplanten Änderungen zumindest oberflächlich anzufreunden.

Konkret verbietet Brasilien seinem bevölkerungsreichsten Staat, einschließlich der weltbekannten Mode- und Partymetropole São Paulo, geschlossene Bereiche in Bars, Restaurants, Nachtclubs, Einkaufszentren und Hotels in Zigaretten- oder Zigarrendunst einzuhüllen. Durch Trennwände abgegrenzte Nichtraucherzonen oder als fumódromo bekannte “Raucherautomaten” stellen dabei keine zulässigen Optionen dar, sogar eine Raucherterrasse am Arbeitsplatz muss vollständig geöffnet sein. Vom Verbot ausgenommen sind medizinische Einrichtungen oder religiöse Zeremonien, deren Abläufe oder Rituale Rauch erfordern.

Darüber hinaus ist es weiterhin erlaubt, in Tabakwarenhandlungen zu rauchen. Inwiefern diese einmalige Ausnahmestellung von den Bürgern São Paulos genutzt werden wird, bleibt abzuwarten. Bemerkenswert ist nämlich, dass im verabschiedeten Gesetz zwar eine Bestrafung der Betreiber aller vom Verbot betroffenen Einrichtungen vorgesehen ist, Zigaretten schwenkende Raucher sollen allerdings nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Letztendlich muss sich die Öffentlichkeit also selbst darum kümmern, die anrückenden Einschränkungen durchzusetzen, zur Verfügung stehende Polizeigewalt ist auf Initiativen angewiesen. An öffentlichen Mitteln zur Erziehung der Brasilianer soll es diesbezüglich jedenfalls nicht mangeln: Eine Medienkampagne zur Bekanntgabe der neuen Verordnungen und Schulung der Einwohner wird von der Regierung in São Paulo bereits geplant.

Obama und Lula: Sprachliche Verwirrung

3. April 2009

Beobachter und Politikmuffel brachen gleichermaßen in Begeisterung aus: Beim G-20-Gipfel in London soll der US-amerikanische Präsident Barack Obama doch tatsächlich und völlig unvermittelt von sich gegeben haben, dass er seinen brasilianischen Kollegen Luiz Inácio Lula da Silva für “den Größten” hält. Auf Portugiesisch hätte er dem aus Brasilien angereisten Politiker esse é o cara attestieren müssen, angesichts der Präsenz vieler einflussreicher Gestalten und der Tragweite des Gipfels ein überraschend offenherziges Zugeständnis.

Anzumerken sei, dass ein internationaler Plausch beim G-20-Gipfel üblicherweise nicht in brasilianischer Mundart abgewickelt wird. Verschiedene Radiokommentatoren und Korrespondenten mit guten Englischkenntnissen bemühten sich daher darum, die auf Übersetzungen basierende Verwirrung zu beheben und begeisterten Befürwortern der vermeintlichen Aussage Wind aus den Segeln zu nehmen. So beteuern einige, Barack Obama habe im O-Ton keinesfalls this is the man gesagt. Für diese Phrase könnte man tatsächlich esse é o cara (”der hier ist der Größte”) heranziehen. Man sei sich allerdings sicher, dass Obama this is my man verlauten ließ.

Auf Portugiesisch sieht der Präsident der USA Lula also als camarada oder noch kumpelhafteres Synonym an. Eine derartig zur Schau gestellte Freundlichkeit motiviert gewiss zu weiteren Analysen. Nun, zum einen hatte sich Lula erst einige Wochen zuvor im Weißen Haus zu einem Besuch eingefunden, zum anderen erklären besagte Kommentatoren die lockere Umgangsart mit dem kulturellen Hintergrund des Staatsoberhaupts der USA.

Und natürlich soll auch honoriert werden, dass nach langjähriger Durststrecke wieder Schwung in die politischen Beziehungen der beiden Riesenstaaten kommt. Wenn Simultanübersetzer also dazu beitragen, mit stark doppeldeutig nuancierten Sätzen für eine bessere Akzeptanz von Vertretern gelegentlich mit Vorurteilen belegter Länder zu sorgen, haben alle ihren Spaß… bis auf portugiesische Englischlehrer natürlich.

Blitzentführung jetzt offiziell ein Verbrechen

25. März 2009

Gerade kurvte man noch in Gedanken vertieft durch die Straßen von Rio de Janeiro oder São Paulo, auf einmal schlagen die Verbrecher zu: Flink zugestiegene Beifahrer fordern wenig höflich dazu auf, den Wagen in Richtung lukrativer Einkaufsmöglichkeiten zu lenken, das Opfer soll mit seiner wertvollen Unterschrift sowie ausgeplauderten Geheimzahlen Schecks und Abhebungen am Geldautomaten autorisieren.

Prinzipiell sind natürlich in vielen Teilen der Welt Blitzentführungen nach solchen Schemen denkbar. Was die Situation in Brasilien bis zum 24.03.2009 zum erwähnenswerten Ausnahmefall machte, war lediglich die Tatsache, dass für eine als sequestro relâmpago bekannte Verschleppung keine adäquate Rechtssprechung existierte.

Ein Mangel an passenden Gesetzen machte es möglich, dass Richter erhebliche Schwierigkeiten hatten, festgenommene Gauner exakt für das von ihnen nachweislich begangene Verbrechen zu bestrafen. Provisorisch in Brasilia bestätigte Vorschläge sprangen bis zum März 2009 ein, um die fehlende legislação zu ersetzen. Die nun durchgewunkene Gesetzesvorlage erweitert einen Abschnitt des código penal, der erstmalig im Jahr 1940 formuliert wurde.

Weniger legislative Instanzen reagierten in der Vergangenheit jedenfalls recht schnell auf den Trend der bandidos. So hatten zahlreiche Banken bereits vor einigen Jahren den Automatenbetrieb nach 22 Uhr stark eingeschränkt oder völlig eingestellt. Kunden, die zu später Stunde ohne kriminelle Begleitung Geld abheben möchten, stehen heutzutage entweder vor verschlossenen Türen oder müssen sich mit einem über den Bildschirm flimmernden Hinweis zur realisierten Sicherheitsmaßnahme begnügen.

Erstaunlich ist der recht spät erfolgte Beschluss vor allem, weil die polícia civil bereits in ihren für das Jahr 2005 veröffentlichten Statistiken über Kriminalität in São Paulo anführte, dass 1260 Blitzentführungen registriert wurden. Obwohl aktuelle Zahlen wegen allgegenwärtiger Dunkelziffern und generell schwankender Kriminalitätsraten deutlich niedriger ausfallen könnten, bleibt zu hoffen, dass ein endlich als Verbrechen anerkanntes Verbrechen allein durch seinen nun offiziell illegalen Charakter in Brasilien für deutliche Abschreckung sorgt.

Auf den oder die Entführer kommen jetzt im Fall einer Verurteilung je nach Schwere der Tat mindestens 6, maximal 30 Jahre Gefängnis zu.

Bankraub als saisonaler Trend?

13. März 2009

Kurzfristige Phänomene finden in Brasilien immer wieder einen gesunden Nährboden. So huschten 2007 und 2008 verschiedene Nachrichten durch die brasilianische Presse, in denen vom roubo de cabelo (Haardiebstahl) gesprochen wurde. Auslegungen verschiedener evangelikaler Freikirchen erheben den natürlichen Kopfschmuck offenbar zum höchsten Gut, ein Verlust der Haarpracht kann mitunter fatale Auswirkungen auf die Psyche und das gesellschaftliche Ansehen haben… ein Umstand, den eher weniger freundschaftlich gesinnte Zeitgenossen einige Male ausnutzten.

Auch wenn sich das haarige Verbrechen mittlerweile aus dem Mittelpunkt des nationalen Interesses verabschiedet hat: Trends kommen und gehen in Brasilien auch im Sektor der Kriminalität. Aktuell scheinen Banküberfälle in Mode zu sein. Jedenfalls häufen sich die Nachrichten über bewaffnete und in Gruppen anrückende Räuber, deren Motivation Abhebungen der etwas anderen Art sind. Eine genaue Lokalisation der Vorfälle ist nicht zu verzeichnen, in São Paulo sind alle Stadtteile gleichermaßen betroffen. Am 13. März 2009 ereignete sich sogar ein Vorfall in der sonst eher ruhigen Avenida Vital Brasil, nahe des Universitätsgeländes der Metropole.

Besonders im Jahr der bebenden Finanzkrise lassen sich natürlich schnell allerlei Zusammenhänge zwischen der auch in Brasilien spürbaren desaceleração (Abbremsung) der Wirtschaft und besagten Banküberfällen herstellen. Statistische Erhebungen lieferten erst kürzlich ernüchternde Gewissheit: Allein in der Industrie von São Paulo verloren zweihunderttausend Arbeiter ihre Stelle, obwohl die crise financeira zuvor mit aller Macht und kollektiv als störendes Schreckgespenst verjagt werden sollte.

Neben den angsteinflößenden Besuchern in brasilianischen Bankfilialen stieg auch die Medienpräsenz von Überfällen auf condomínios. Hierbei handelt es sich um mit Wachmann, automatischer Garage und gelegentlich Elektrozäunen gesicherte Wohnkomplexe, in denen Brasilianer eigentlich möglichst sicher ihre abendliche novela (Seifenoper) vor dem Fernseher genießen wollen. Dummerweise haben die pompösen Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen Wochen allerdings einige Banden auf den Plan gerufen, die kurzerhand alle Barrikaden überwinden konnten und anwesende Bewohner in verschiedenen Fällen zu Geiseln machten, um wertvolle Besitztümer auszusortieren.

Und nicht selten macht die anrückende Polizei dem Großteil der bandidos schnell einen Strich durch die Rechnung. Was zurückbleibt, ist (wie auch im Fall der meisten Banküberfälle) ein geplatzter Plan, öffentliche Aufregung… und noch eine Schlagzeile mehr, die einen aufschwellenden Trend nährt, bis er letztendlich übersprudelt oder in sich zusammenfällt.

Immer mehr Tornados in Brasilien?

9. März 2009

Erst im Jahr 2008 wurden die Einwohner des Bundesstaates Santa Catarina von schweren Regenfällen und resultierenden enchentes (Überschwemmungen) geschockt. Jene Tragödie forderte sowohl Menschenleben als auch die Existenzgrundlagen vieler Bürger. Besonders schwer war der knapp 100 km von Florianópolis entfernte Ort Itajaí betroffen, veröffentlichte Fotos zeigten fast vollständig von den Wassermassen verschluckte Häuser.

Viel Zeit zum Wiederaufbau blieb den dort lebenden Brasilianern nicht. Eine neue enxurrada tötete am 08. März 2009 offenbar Mutter und Sohn, die gegen die Wucht der abermals entfachten Fluten nicht ankamen und ertranken.

Die deutlich weiter von der Hauptstadt Santa Catarinas entfernte Ortschaft Ponte Alta wurde von einer anderen Katastrophe heimgesucht: Ein tornado wütete dort 15 Minuten lang und verursachte Schäden an mehr als 500 Häusern sowie die Obdachlosigkeit mehrerer Familien. Bemerkenswert ist dabei, dass brasilianische Medien in entsprechenden Berichten noch umfassend und erklärend auf die Ursache solcher Phänomene eingehen. Sollte dies ein Anzeichen dafür sein, dass es sich bei den Wirbelstürmen um eine absolute Neuheit handelt?

Keinesfalls. Bereits in der Vergangenheit wurden in fast allen Teilen Brasiliens Tornados registriert. In den letzten Jahren war allerdings ein häufigeres Auftreten der vernichtenden tempestades zu verzeichnen. Problematisch ist diesbezüglich, dass neben lokalen Schäden auch überregionale Auswirkungen zu berücksichtigen sind.

So verfügt Brasilien über ein gewaltiges Energieversorgungsnetz, dessen Charakteristik nicht allerorts auf Störungen durch derartige Naturgewalten ausgelegt ist. Die linhas de transmissão (Leitungen im Energieversorgungsnetz) überbrücken nicht selten Entfernungen von eintausend Kilometern und müssen unterschiedlichstem Klima und Bodenbeschaffenheiten trotzen. Angehende und bereits im Berufsleben aktive Ingenieure beschäftigen sich daher zunehmend mit den Auswirkungen extremer Vorgaben auf einzelne Teilbereiche der Energieversorgungsnetze.

Zumindest der Betrieb wichtiger Infrastrukturen wie Krankenhäuser in isolierten Regionen des Landes lässt sich auf diese Weise gewährleisten. Bereits verlorene Menschenleben bringt leider auch die beste Planung nicht zurück.

Rohöl für Brasilien… aber weshalb “pré-sal”?

12. Oktober 2008

In brasilianischen Medien ist vor einiger Zeit ein Wort aufgetaucht, das auch einheimischen Lesern der jeweiligen Kolumnen teilweise Rätsel aufgeben dürfte. So schreiben Journalisten Artikel über die neuerdings entdeckten Erdölreserven des Landes und verwenden ohne Unterlass den Begriff pré-sal. Dann erfährt man beispielsweise, dass eine Plattform zum Abbau des pré-sal errichtet wurde oder Wissenschaftler immer noch heftig über das Potential dieses mysteriösen Schlagworts diskutieren. Handelt es sich um eine Vorform von Salz? Geht es um den ebenfalls relevanten Ölsand? Ist gar ein ganz anderes, völlig unübliches Synonym in der Übersetzung anzuwenden, um irgendwie den Bogen zum Erdöl zu schlagen?

Die Lösung aller Fragen liegt in der Struktur des entdeckten Erdölvorkommens. Zwar wird oft ansatzweise darauf hingewiesen, dass sich Brasilien noch nicht sicher ist, ob das schwarze Gold tatsächlich abgebaut werden kann. Nur gelegentlich bekommt man allerdings nötige Erläuterungen, die auch Aufschlüsse hinsichtlich der sprachlichen Formulierung liefern.

Etwa 275 km vor der brasilianischen Küste zwischen São Paulo und Rio de Janeiro liegen die betreffenden Quellen in einer Tiefe von etwa 8 km. Auf dem Weg in den Abgrund muss zunächst vergleichweise wenig Wasser “überwunden” werden, danach folgen verschiedene Schichten unterschiedlicher Substanz. Da eine Lage Salz dabei den größten Anteil belegt, bezeichnen Wissenschaftler die Kammern über und unter diesem Bereich als pós-sal (näher am Meeresboden) und pré-sal (die tiefere Zone). In letzterem Abschnitt befindet sich schließlich auch das gesuchte Erdöl, weswegen man gleichbedeutend stets die Zone anführt, um eine genauere Klassifizierung des Reservats und auch des Rohstoffs selbst zu gewährleisten.